Symbolfoto: Gajus/Shutterstock
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Kleine Fähnchen und große rote Tüten in der Fußgängerzone. Oldesloe ist jetzt „aktiv“ und „lebendig“ und eine „Stadt mit Wir-Gefühl“. Die Presse berichtet seit Monaten nur noch über die positiven Dinge in der Oldesloer Innenstadt, nicht mehr über „Leerstand“ und „Verödung“. Alles vor allem dank der Prodibra-Marketingkampagne „Ich bin für Einkaufen in Bad Oldesloe.“ So sieht es zumindest die Agentur, die sich selbst ein gutes Zeugnis ausstellt. Das ist ja auch ihr gutes Recht, denn es ist ihr Job, Dinge positiv zu verkaufen.

Sollte die Kampagne also fortgesetzt werden? Sollten Steuergelder in die Aktion fließen? Prodibra sieht das in schwärmerischen Worten in ihrem Antrag auf Wirtschaftssubvention in Höhe von 29.970 Euro brutto für eben diese Kampagne natürlich so. Doch kritische Nachfragen müssen erlaubt sein.

Keine Frage, die ersten Aktionen waren durchaus gelungen, haben einen Wiedererkennungswert und ein Online-Marktplatz kann auch nützlich sein, wenn er denn richtig genutzt und gepflegt wird. Einen Punkt kann Prodibra sehr gut für sich verbuchen und der ist wichtig. Er soll an dieser Stelle daher nicht untergehen: die Agentur redet nicht nur, sie stellt auch etwas auf die Beine.

Ob rote Tüten, Fähnchen und „Werkstattgespräche“ zu einem Drittel aus Steuergeldern finanziert werden müssen ist trotz so manch guter Kritiken aber eine andere und grundsätzliche Frage. Vor allem wenn einige Projekte wie zum Beispiel ein Einkaufsführer beim bereits bestehenden Stadtmarketing der Verwaltung in der Mache waren und sind. Könnte man sich da nicht besser absprechen? Muss dort eine private Agentur übernehmen?

Etwas unklar war zu Beginn der gesamten Kampagne, wo das Engagement des ehrenamtlichen Wir-Vereins ( dem beide Gründerinnen der Agentur angehören ) aufhörte und die kommerzielle Agentur übernahm. Genau wie die Frage, was die Öffentlichkeitsarbeit der Stadt eigentlich bereits im Köcher hatte.

Wirtschaftsförderung muss an sich nichts Schlechtes sein. Heikel wird es aber, wenn eine Marketing-Agentur selbst und nicht die Geschäftsleute – etwa als Gewerbeverein – die Förderung bei der Stadt beantragt. Das mag rechtlich sauber sein, mieft aber schon etwas, wenn offenbar die Transparenz fehlt. Wenn es jetzt Kampagnenpartner der Aktion gibt, die voller Begeisterung davon sprechen, dass der Einsatz der Agentur der Innenstadt helfe, muss auch die Frage gestellt werden: Wer entscheidet denn, was gut oder schlecht ist für die Innenstadt? Was ist das Image, das transportiert werden soll? Steht nur der Handel im Mittelpunkt des Interesses? Was ist eine „attraktive Innenstadt“? Was wünschen sich die Oldesloer Bürger, Vereine, Verbände, Organisatoren? Die Kampagne kann und wird immer sicherlich nur ein Baustein sein.

Werden die Geschäftsleute auch selbst noch tätig oder ist ihr Engagement dann mit dem finanziellen Beitrag zur Kampagne abgegolten? Hätte es andere Agenturen mit anderen Ideen gegeben? Bürgermeister Jörg Lembke betonte, dass Prodibra nicht durch die Stadt Bad Oldesloe beauftragt wurde, daher habe auch keine Vergabe stattfinden müssen. Es bleibt die Frage, wenn man sich nun in der Lokalpolitik mehrheitlich für ein professionelles Stadtmarkting entscheidet – was de facto bei einer finanziellen Zuwendung durch die Stadt so zu sehen ist – ob nicht auch andere Agenturen ihren Hut erstmal in den Ring werfen müssen dürften?

Eine wichtige Frage im aktuellen Hauptausschuss genau in diesem Zusammenhang: In welcher Höhe sich Prodibra selbst ein Honorar für erbrachte Agenturleistungen zugesteht. Denn das geht aus den eher allgemeinen und rudimentären Kostenaufstellung nicht hervor. Natürlich muss eine Marketing-Agentur für ihre Leistungen entlohnt werden, darum geht es nicht. Und niemand möchte Prodibra Engagement absprechen. Aber in dieser Form bekäme die Agentur – die sich im Vorwege quasi selbst engagiert hat – im Grunde einen Freibrief für die prozentuale Höhe der Selbstvergütung und tut sich selbst keinen Gefallen, wenn die Gerüchte über den eigenen Anteil ins Kraut schießen.

Problematisch für das beschworene, plakative „Wir-Gefühl“ in der Stadt wird es eben auch dann, wenn man den Vergleich zu Ehrenamtlern und anderen kommerziellen Anbietern sieht, die bei Anträgen auf deutlich geringere Fördersummen von manchen politischen Ausschüssen gründlich auf Herz und Nieren geprüft werden und ihre komplette wirtschaftliche Situation offenlegen müssen. Ein Punkt den die Linke und die SPD auch im Hauptausschuss betonten. Schon jetzt beobachten Vereine und Organisationen aufmerksam, ob das Geld tatsächlich bewilligt wird. Wie soll man Vereinen in Zukunft erklären, dass sie für 1000 Euro Zuschuss zu Jugend- oder Sozialprojekten ihre Bilanzen offenlegen müssen, wenn CDU und FBO den Zuschuss für eine kommerzielle Agentur quasi erstmal durchwinken wollen, obwohl die eingereichten Kalkulationen eher allgemeinen Zusammenfassungen in einem Tätigkeitsbericht ähneln und weit von dem entfernt sind, was zum Beispiel für Kultur- und Sportförderung an Unterlagen verlangt wird. Stormarnlive bekam dazu mehrere Nachfragen.

Hinzu kommt, dass die Kampagne „Einkaufen in Bad Oldesloe“ bereits von den teilnehmenden Einzelhändlern nicht gerade geringfügig bezahlt ist und damit eine (nachträgliche) Förderung auf den ersten Blick unnötig erscheint. Es war eine gute Sponsorensuche der Prodibra -Mitarbeiterinnen, für die man Respekt zollen kann. Die Aktionen finanzierten sich durch das Sponsoren-Engagement. Und das ist ja auch gut so. Wenn die unter dem „Ich bin für Einkaufen in Bad Oldesloe“ vereinten Händler eine Marketing-Kampagne machen wollen und sich genügend finden, die das wollen, dann bleibt es ihnen ja auch unbenommen sie zu finanzieren.

Städtische Wirtschaftsförderung ist allerdings nicht dazu gedacht, eine bereits erbrachte Leistung – so gut sie auch sein mag – nachträglich finanziell zu honorieren, heißt es aus der Politik. Sollte die Lokalpolitik das Geld bewilligen, ist der „Fördertopf Einzelhandel“ auf einen Schlag komplett ausgeschöpft. Andere Vereine oder Einzelpersonen hätten dann für 2017 keine Chance mehr auf einen Anteil des Geldes. Ihnen blieb im Prinzip auch keine Zeit sich darauf zu bewerben.

Einige Geschäftsleute nehmen im Rahmen der Stimmungslage bereits Abstand von der Kampagne und fühlen sich regelrecht überrumpelt und genötigt, sich zu beteiligen. Die Art und Weise wie die gesamte Diskussion an Schärfe gewinnt, fügt der auf Hochglanz bedachten Kampagne ernsthafte Kratzer zu. Für die Kritiker sieht „Wir-Gefühl“ anders aus. Die Fragen im Raum sind : Wer definiert das „Wir“ und wer definiert in welche Richtung „gemeinsam an einem Strang gezogen“ wird?

Leerstand ist noch immer vorhanden, die Attraktivierung der Stadt ist noch ein „work in progress“, die Stimmungslage zwischen unterschiedlichen Lagern der Kaufleute alles andere als prächtig. Dürfen oder sollen diese Themen unter Artikeln über Fähnchen und Tüten verschwinden? Wichtig wäre es zu schauen, was sich de facto in der Innenstadt verbessert oder verändert hat in den letzten Monaten.

Kaufleute, die an uns herantreten, erlebten es nach eigenem Bekunden, dass Kritik an der Kampagne oder dem Zustand der Innenstadt als „Miesmachen“ und „Nörgeln“ empfunden wurde. Hinter den Kulissen rumort es zwischen Kampagnen-Fans und denen, die sich nicht (mehr) beteiligen wollen. Mittlerweile stehen die Gründungen eines Gewerbevereins und eines Wirtschaftsvereins im Raum. Auch das sind zum Teil Konsequenzen der aktuellen Verhältnisse. Dann gebe es die Öffentlichkeitsarbeit und das Innenstadtmanagement der Stadt, einen Gewerbeverein, den Wir-Verein, Prodibra und einen Wirtschaftsverein. Noch hinzu kämen die ehrenamtlichen Vereine und Einzelorganisationen, die in der Innenstadt Veranstaltungen durchführen.

So oder so ist es noch ein weiter Weg zu einem Wir-Gefühl, das eben nicht nur daraus besteht, dass Kaufleute Geld in einen Topf schmeißen, um Tüten oder Fähnchen zu bedrucken.

Finn Fischer

Redaktionsleitung Stormarnlive.de

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